Redebeitrag bei „Push it to the limit“

Im Rahmen der Antifa-Kundgebung „Push it to the limit“ am 23. Juni 2012, die das Ende der Kampagne „Fence off“ darstellt, wurde von uns folgender Redebeitrag gehalten:

„Wir sind heute auf den Lindenauer Markt gekommen um linke Politik auf die Strasse zu tragen und dorthin zu bringen, wohin sie selten vordringt. Dass es in der Odermannstraße 8 in Lindenau ein Bürgerbüro der NPD gibt, dürfte allen Anwesenden hier bewusst sein, deswegen werde ich nicht näher darauf eingehen, sondern versuchen eine andere Perspektive darzustellen.
Wie im Flyer zum „Push it to the Limit 2“ schon erwähnt ist, ist Rassismus kein Randphänomen, welches sich nur auf Nazis und NPD-Mitglieder beschränkt. Um ausgrenzende Mechanismen zu reproduzieren, müssen wir nicht in die NPD eintreten oder uns in „Freien Kräften“ engagieren. Rassismus, Sexismus, Homo- und Trans*phobie und andere chauvinistische Denkmuster sind in der sogenannten bürgerlichen Mitte verankert. Nur aus einem solchen gesellschaftlichen Normalzustand heraus, können sich Auswüchse wie die Odermannstraße 8 entwickeln. Dies sehen wir , wenn z.B. ein Theater in Halle immer wieder mit rassistischer „Blackface“-Praktik Aufsehen erregt, rassistische Bürger_innenmobs gegen Asylsuchende hetzen oder jeden Tag, wenn wir sexistischer Werbung ausgesetzt sind.
Jedoch ist die Kritik am bürgerlichen Konsens, so notwendig sie sein mag, ebenfalls nicht ausreichend.
Viele sind der Ansicht, sich dadurch vom Vorwurf rassistisch oder sexistisch zu sein, geschützt zu sehen, weil sie sich in antifaschistischen und/oder linken Kontexten engagieren. Nach dem Motto: „Guck mal ich kann gar nicht sexistisch sein, ich hab da einen Button, auf dem steht ‚Gegen Sexismus‘“ Wenn auf Antifa-Demos rassistische und/oder sexistische Lieder gespielt werden, oder weiße Männer sich die Deutungshoheit über Rassismus oder Sexismus gegenüber Betroffenen rausnehmen ist es nämlich genau das. Es ist sexistisches und rassistisches Verhalten. Sich gegen Sexismus und Rassismus zu engagieren ist mehr, als es sich als Parole irgendwo hinzuschreiben. Wir wollen niemandem unterstellen, er oder sie hätte sich nicht ausgiebig mit diesen Themen beschäftigt, wir möchten lediglich darauf aufmerksam machen, sich nicht darauf auszuruhen.
Der Widerstand gegen Unterdrückung und Herrschaft muss immer ein Prozess sein, welcher auch bei der eigenen Person ansetzt und dadurch diese Veränderung auf das Umfeld überträgt. Denn diese Unterdrückungsmechanismen sind nicht immer nur bei „denen da drüben“, sie sind auch oft genug in uns selbst. Eine emanzipatorische Praxis darf deswegen nicht nur so weit gehen wie es bequem ist. Sie darf nicht vor den eigenen Privilegien halt machen, sie muss diese erkennen und reflektieren. Erst dann können wir in der Lage sein, diese herrschaftlichen Ideologien zu erfassen und im Kern anzutasten und dadurch zu überwinden.
Im Flyer wird weiterhin darauf hingewiesen, dass die Anwohner_innen durch das Ausbleiben von Gegenaktionen die Odermannstraße 8 tolerieren. Auch wenn wir dies nicht verneinen würden, würden wir dies auch nicht so ausdrücken. Wer neben einem Nazizentrum wohnt macht sich durch Widerstand sehr viel angreifbarer, als Personen die in einem anderen Viertel wohnen, in dass sie nach Aktionen/Demos oder irgendwas anderem zurückkehren können.
Natürlich gibt es Menschen in Lindenau, die die Odermannstraße nicht als Problem sehen, oder sie gar befürworten, aber genauso wird es Menschen geben, die es abscheulich finden, dass es sie gibt, aber die eventuell zu große Angst haben etwas zu unternehmen. Und genau hier müssen wir ansetzen. Es muss ein Klima geschaffen werden, welches sich dieser Furcht entgegenstellt. Eine antifaschistische Praxis, welche eine Opposition gegen dieses menschenverachtende Zentrum möglich macht.
Denn wie richtig erkannt wurde, kann Antifaschismus nicht auf einen Tag im Freien beschränkt werden, sondern muss alltägliche Praxis sein. Diese Kundgebung kann als ein kleiner Schritt auf diesem Weg gesehen werden.“