ASJ-Leipzig Grundsätze

Wir sind davon überzeugt, dass jedem Menschen die Rechte auf Gleichheit und Freiheit aus der menschlichen Existenz gegeben sind. Wobei diese Rechte sich nicht etwa beschneiden, wie vielleicht der erste Eindruck sein mag, sondern sich viel mehr ergänzen.
Gleichheit ist nicht die materielle Gleichheit, die man durch eine Wohnung im Plattenbau erhält, und Freiheit nicht das Ausleben egoistischer Vorstellungen auf Kosten anderer. Für uns bedeuten Freiheit und Gleichheit, dass man über sein Zusammenleben mit anderen Menschen selbst entscheiden kann, ohne durch soziale, politische oder sonstige Hierarchien unterdrückt zu werden. Tatsächlich ergänzen sich Freiheit und Gleichheit nicht nur, sie bedingen sich auch grundlegend. Hat ein Mensch weniger Freiheiten als andere, gibt es keine Gleichheit. Andersherum: Gibt es keine Gleichheit in der Gesellschaft, entsteht daraus zwangsläufig für einen Großteil der Mitglieder eine Unfreiheit, weil sie in den Gestaltungsmöglichkeiten ihres Lebens weniger Spielraum haben.

Wir halten es für absolut unmöglich, diese Grundsätze im Kapitalismus als einem System, das auf Ausbeutung, materieller Ungleichheit und Unterdrückung basiert, zu verwirklichen.
Für eine Überwindung des Kapitalismus stellt die Analyse von Marx einen wichtigen Baustein dar. Wir glauben jedoch, dass die Auslegung seiner Schriften, aber auch Aussagen von Marx und Engels selbst, zum Teil Schuld an der Entartung seiner Thesen im „realexistierenden Sozialismus“ des 20. Jahrhunderts sind.
So ist zum Beispiel der Klassenbegriff in unserer heutzutage sehr viel heterogeneren Gesellschaft mindestens problematisch und sollte neu überdacht und definiert werden. Besonders gefährlich wird der Klassenbegriff, wenn er zu der Auffassung führt, dass Klassenkampf demzufolge Kampf einer Klasse um die Macht sei – dem entsprechend lehnen wir die Theorie der „Diktatur des Proletariats“ ab.
Wir lehnen Herrschaft als Synonym zu Ungleichheit und Unfreiheit in jeder Form ab und glauben nicht, dass Herrschaft etwas Gutes wird, sobald sie von selbsternannten Linken ausgeübt wird.
Klassen entstehen da, wo Ungleichheiten zwischen Menschen herrschen. Damit ist Klassenkampf nicht anders zu verstehen als der unmittelbare Kampf gegen das Bestehen von Klassen, als Ausdruck von Unterdrückung. Dieser Kampf ist nur zu verwirklichen, indem die Bereitschaft aller zu Überwindung des Systems durch Aufklärung und Emanzipation gefördert wird.

Tatsache ist jedoch, dass für die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit eine gemeinschaftliche Verwaltung der Produktionsmittel entscheidend notwendig ist. Die Selbstverwaltung muss jedoch durch basisdemokratische Entscheidungen der tatsächlich Produzierenden direkt vor Ort erfolgen. Die Parole heißt: Kollektivierung statt Verstaatlichung! Ein verstaatlichter Betrieb bringt den Beschäftigten wenig mehr Einflussmöglichkeiten und Gestaltungsfreiheiten als ein kapitalistischer.
Wir lehnen dabei eine zentrale Planungsinstanz ab, da eine solche Vorgehensweise sowohl potentiell undemokratisch, als auch unpraktisch ist. Stattdessen treten wir für direkte Absprachen zwischen den jeweils betroffenen Teilnehmern des wirtschaftlichen Lebens ein.
Des Weiteren gilt es die Wirtschaft vom Fetisch der Ware zu befreien, denn nur so kann der Mensch wieder mehr sein als nur Veräußerer seiner Arbeitskraft als Ware am kapitalistischen Markt. Die Wirtschaft darf sich nicht weiter an Profiten, Gewinnspannen und Luxus orientieren, die zwangsläufig Ausbeutung mit sich bringen. Viel mehr muss sich die Wirtschaft am tatsächlichen Bedarf der Menschen orientieren und gleichzeitig durch einen Aufbau aus Kollektiven, die sich durch freie Vereinbarungen zu Föderationen zusammenschließen, die Mitbestimmung des Einzelnen gewährleisten.
Wichtig für eine solche basisdemokratische Organisation, nicht nur in der Wirtschaft, sondern jedem gesellschaftlichen Aspekt, ist die Bestimmung von Delegierten. Es können zwei Arten von Mandat/Delegation unterschieden werden. Einmal gibt es das Mandat, das jemandem von der Basis übertragen wird, um eine ganz spezielle Aufgabe zu erfüllen. Zum Beispiel die Vertretung eines Kollektivs bei einem Vernetzungstreffen mit anderen. Für diese Aufgabe erhält der Delegierte Befugnisse in klaren Grenzen, er übermittelt nur Entscheidungen der Basis und tauscht Informationen aus. Für Entscheidungen, die sein Mandat überschreiten, muss er Rücksprache mit der Basis halten. Ist die spezielle Aufgabe erfüllt, verliert er sein Mandat. Die zweite Form von Mandat regelt die Erledigung ständig anfallender Aufgaben. Zum Beispiel wird immer ein Verantwortlicher für die Kasse gebraucht. Dieses Mandat wird mit den dazugehörigen Aufgaben für eine bestimme Zeit übertragen, danach übernimmt jemand anderes aus der Basis die Aufgabe. Diese Rotation ist so kurz, wie noch mit der Praxis vereinbar und dient dazu, die für eine Aufgabe nötigen Kompetenzen bei jedem auszubilden.

Es ist weiterhin festzuhalten, dass eine anarchistische Gesellschaft nach dieser Vorstellung kein Tummelplatz von Individualinteressen ohne Rücksicht aufeinander ist, sondern gewisser Regeln bedarf. Im Anarchismus geht es nicht um die Beseitigung von Ordnung, sondern von Herrschaft. Eines der größten Probleme der heutigen angeblich so freiheitlich-demokratischen Ordnung ist, dass fast niemand jemals in seinem Leben die Gelegenheit hat über diese Ordnung mitzureden, geschweige denn zu entscheiden. Wir glauben nicht, dass Regeln grundsätzlich die Freiheit einschränken, sondern dass in Regeln, die jeder durch Abstimmung akzeptiert hat, die wahre Freiheit liegt.

Je stärker sich die Vorboten einer neuen Gesellschaftsform herausbilden, desto stärker werden sie in Konflikt mit der heutigen Ordnung treten, die sie überwinden wollen. Und nicht nur mit der heutigen Ordnung, sondern mit jeder staatlichen oder nicht-staatlichen, die sich anmaßt für andere zu planen, ihnen Befehle zu erteilen oder sich auf irgendeine andere Art höher stellt.
Nichts wäre wünschenswerter, als dass dieser Konflikt friedlich ausgetragen werden könnte. Die Lehren aus der Geschichte und das Gebären der aktuell Machthabenden lässt uns diesen Wunsch leider als sehr unrealistisch erscheinen. Sollte diese Auseinandersetzung also tatsächlich eine gewalttätige werden, darf die Reaktion nicht sein, sich aus falschem Idealismus selbst beseitigen zu lassen. Denn nichts widerspricht der Freiheit und Gleichheit mehr, als tatenlos zu akzeptieren, dass Menschen, die sich auf ihre Freiheit berufen und damit in keiner Weise die Freiheit anderer einschränken, mit Repression überzogen werden. Jeder Mensch hat das Recht seine Freiheit und Gleichheit zu verteidigen. Wichtig ist dabei viel mehr in der Organisation der Verteidigung die Ideale nicht zugunsten von angeblichen Sachzwängen beiseite zu legen und sich aus irgendwelchen Gründen in neue Hierarchien zu fügen. Ein Kampf, der angeblich für Freiheit und Gleichheit geführt wird, aber diese selbst nicht bewahrt, ist es nicht wert gekämpft zu werden. Im Gegenteil, er trägt die Wurzel neuer Unterdrückung bereits in sich.

Diese Grundsätze können und wollen keinen Anspruch auf absolute Wahrheit oder Allgemeinheit erheben.
Der Anarchismus ist keine abgeschlossene Lehre, die man einfach blind einhalten muss, um
irgendwann im Paradies zu landen. Anarchismus wächst und lebt durch unsere ständige Diskussion und Aktion.